Der ADFC Bremen Vorsitzende Ludger Koopmann antwortet dem Präses der Handelskammer Bremen, Lutz H. Peper, in einem Offenen Brief zu dessen Äußerungen unter dem Titel „Der Senat handelt bösartig“ im Weser-Report vom 4.10.2009
Sehr geehrter Herr Peper,
im Weser-Report vom 4.10.09 werden Sie mit Aussagen zu verkehrspolitischen Vorstellungen der Handelskammer Bremen zitiert. Wir gehen davon aus, dass Ihre Einschätzungen zur Bremer Verkehrspolitikkorrekt wiedergegeben wurden.
Mit Verwunderung haben wir Ihre Ausführungen zur Kenntnis genommen.
Der ADFC, der in Bremen rund 3000 Mitglieder vertritt und die Förderung des Radfahrens zum Ziel hat, teilt Ihre Auffassungen nicht.
Sie sprechen im Zusammenhang mit den geplanten Maßnahmen an der Kurfürstenallee und der Richard-Boljahn-Allee von „geplanten Verkehrsbehinderungen“ und bezeichnen diese als Beispiel für das „Ummodeln Bremens zu einer Fahrradstadt“.
Wir verwahren uns dagegen, dass das ernsthafte Bemühen vieler Menschen dieser Stadt eine Klima schonende, Menschen gerechte und Barriere freie Verkehrsplanung zu realisieren, mit solchen Begriffen wie „ummodeln“ disqualifiziert wird. Nicht nur der Klimawandel zwingt uns zu neuen Verkehrskonzepten, sondern auch die absehbare Verknappung der Erdölreserven. Nur Städte, die diesen Faktoren Rechnung tragen, werden für die Zukunft wirtschaftlich gut und nachhaltig aufgestellt sein. Bremen ist mit seinem ÖPNV und derzeitigen Radverkehrsanteil von 25% zwar auf dem richtigen Weg, aber vom Ziel leider noch weit entfernt.
Anders als von Ihnen postuliert, dienen die genannten Straßen nicht nur zur Generierung von Käuferströmen nach Bremen. Sie dienen ebenso dazu, wie übrigens andere Straßen auch, dass die Bremer die großen Einkaufszentren im Umland anfahren können.
In diesem Zusammenhang möchten wir daran erinnern, dass in den vergangenen Jahrzehnten etliche Menschen von Bremen ins niedersächsische Umland gezogen sind – von denen heute die meisten die genannten Straßen als Pendlerstrecken benutzen.
Die Einkommenssteuer der Pendler bleibt im Umland, während Bremen seine Wohnqualität durch den Ausbau solcher Trassen weiter abbaut. Diese Ein- und Ausfallstraßen sind daher aus wirtschaftspolitischer Sicht mit einigen Fragenzeichen zu versehen.
Ihre Berechnung des volkswirtschaftlichen Schadens ist nicht plausibel. Abgesehen davon, dass in Ihrer Rechnung anscheinend selbst am 1. Weihnachtstag genauso viele Autos fahren wie an Werktagen und zudem ein merkwürdig niedriger durchschnittlicher Stundenlohn (7, 50 Euro) angesetzt wird, geht die Berechnung von falschen Prämissen aus und ist zynisch gegenüber den Anwohnern.
Der gesamte Straßenzug ist von Wohnhäusern gesäumt. Die Bewohner müssen folglich den ganzen Tag und die ganze Nacht den Lärm der Autos ertragen. Drei Minuten Rücksichtnahme der Autofahrer erscheinen da nicht zu viel verlangt.
Ihre Forderung nach dem Einbau von Fahrstühlen für Gehbehinderte ist unter dem Aspekt Ihrer fortwährenden an den Senat gerichteten Sparappelle nicht nachvollziehbar und würde viele Probleme nicht lösen.
Die vom Verkehrssenator geforderten nächtlichen Geschwindigkeitsbegrenzungen sind auf anderen Autobahnen in und neben Ballungsgebieten üblich und gelten dort in der Regel auch tagsüber. Beispiel Ruhrgebiet: Bei einer Vielzahl von Autobahnabschnitten gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung zwischen 70 und 100 km/h. Gleiche Regelungen bestehen in anderen europäischen und nordamerikanischen Ballungsgebieten. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen sind dort seit Jahrzehnten üblich und in der Regel deutlich rigider.
Der Abriss der Hochstraße ist keine „Schnapsidee“, sondern schafft enorme stadtgestalterische, aber auch wirtschaftliche Vorteile für die Stadt.
Nach dem Abriss der Hochstraße bestünde endlich die Gelegenheit, die Achse zwischen Bahnhof und Innenstadt für täglich tausende Fußgänger (Kunden) und Radfahrer (Kunden) wieder zu öffnen und freundlicher zu gestalten.
Eine Großstadt fahrradfreundlicher zu machen ist kein „ummodeln“, sondern eine zukunftsträchtige Verkehrspolitik zum Vorteil aller Menschen, einschließlich der an der Wirtschaft beteiligten Akteure in der Stadt.
Während dieses in Städten wie z.B. Kopenhagen und Groningen längst weit vorangebracht worden ist und Städte wie Paris und New York dieses mit großem Engagement anstreben, befürchtet die Handelskammer immer noch den Untergang des Abendlandes durch das Fahrrad.
Dieses sagt mehr über die ideologische Voreingenommenheit und damit letztendlich über die innovationsabträgliche Haltung der offiziellen Vertreter der Handelskammer aus als über das Fahrrad und die fahrradfreundliche Stadt. Der häufig zitierte Wahlspruch „waagen und winnen“ wird so zu „beharren und verrinnen“.
Der ADFC Bremen wird sich auch weiterhin im Verkehrsbereich für möglichst ökologische, nachhaltige, Menschen gerechte und Barriere freie Lösungen einsetzen. Verkehrspolitische Planungen, die dieses unberücksichtigt lassen, sind nicht geeignet, eine zukunftsfähige Infrastruktur zu schaffen – und folglich auch keine Basis für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung.
Der Fuß- und Radverkehr sowie der ÖPNV muss deshalb ggf. auch zulasten des Autos weiter gefördert werden. Unabhängig von Parteizugehörigkeiten wird der ADFC im Verkehrsbereich auch weiterhin Politiker unterstützen, die die Verkehrspolitik in diese Richtung voranbringen wollen. Selbstverständlich ist uns auch an einer Zusammenarbeit mit der Handelskammer gelegen. Der ADFC arbeitet schon seit vielen Jahren erfolgreich – im Interesse beider Seiten – mit einer Reihe Bremer Firmen aktiv zusammen.
Da Sie Ihre Vorstellungen über die Presse veröffentlicht haben, haben wir dieses Schreiben als offenen Brief formuliert.
Mit freundlichen Grüßen,
Ludger Koopmann
ADFC Bremen
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